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KMM 68
Joachim Faller

Konstanz – Magnificat – Einheitsgesangbuch

Zur Geschichte der Freiburger Orgelbegleitbücher



Während die Arbeiten am neuen katholischen Gebet- und Gesangbuch GOTTESLOB auf die Zielgerade einbiegen, lohnt sich auch ein Blick in die Geschichte. Bekanntlich beginnt die Freiburger Gesangbuchgeschichte mit dem Bistum Konstanz. Dessen Gebet- und Gesangbuch erschien vor genau 200 Jahren, kann also ein Jubiläum feiern. Sogar ein halbes Jahrhundert nach dem Erlöschen des Bistums Konstanz war dieses Gesangbuch noch in Gebrauch. Ebenso interessant aber sind die Orgelbegleitbücher.

Als 1827 der erste Freiburger Erzbischof inthronisiert wurde, besaß seine junge Diözese noch kein eigenes Gesangbuch. Deshalb griff man auf das "Christkatholische Andachtsbuch zum Gebrauche bey der öffentlichen Gottesverehrung im Bisthum Konstanz" zurück, welches seit 1812 dort in Gebrauch war. Dieses Gesangbuch enthielt zwar eine Vielzahl an Liedtexten, jedoch keine Melodien. Diese erschienen zwischen 1813 und 1816 in mehreren Einzelheften für den Gebrauch durch die Organisten. Die Kirchenlieder waren darin mit einem meist dreistimmigen, klaviermäßigen Satz versehen (Bsp. T. I,1, S. 81), die sonstigen Gesänge mit Generalbassbezifferung notiert, wobei die Kirchentonarten durch Erhöhung des Leittons an die Dur-Moll-Tonalität angepasst worden waren.
Erst 1839 erschien das "Gesang- und Andachtsbuch zur Feier des öffentlichen Gottesdienstes in der Erzdiöcese Freiburg". Obwohl es in weiten Teilen den Inhalt des Konstanzer Vorgängerbuches (welches bis 1870 immer wieder neu aufgelegt wurde) übernahm, wurde die Orgelbegleitung komplett neu geschaffen. Die von Domkapellmeister Leopold Lump[p] und Hofmusikdirektor Ferdinand Simon Gaßner herausgegebenen "Melodien zum Diözesan-Gesangbuche für das Erzbisthum Freiburg" waren ebenfalls für ein vorwiegend manualiter ausgeführtes Orgelspiel gesetzt, jedoch nun im durchgängig vierstimmigen Satz, wobei die rechte Hand meist die drei oberen Stimmen und die linke den Bass zu spielen hatte, "da eine beharrliche gleichmäßige Vertheilung der Stimmen auf beide Hände schon ziemliche Uebung und Gewandtheit erfordert" (Melodien zum katholischen Gesang- und Gebetbuche für die Erzdiöcese Freiburg, 2. Aufl., 3. Abdruck, Karlsruhe 1860, S. [III]). (Bsp. S. 191). Im Gegensatz zu vielen Orgelbüchern dieser Zeit enthielt dieses Orgelbuch, wie auch sein Vorgänger, keine der damals gebräuchlichen Zeilenzwischenspiele und zwar "weil sie größtentheils die Würde des Kirchengesanges verletzen, – spärlich und am rechten Orte angebracht aber nur dann von Wirkung seyn können, wenn sie die Erzeugnisse der Phantasie eines gebildeten Organisten sind" (Erste Auflage, o. J. [1840], S. IV).

Orgelbuch zum "Magnificat"
Spätestens mit Erscheinen des "Orgelbuchs zum Magnifikat" im Jahr 1893 war den offiziellen Orgelsätzen ohne eine gewisse "Uebung und Gewandtheit" nicht mehr beizukommen. Die vom Bopparder Seminarlehrer Peter Piel verfassten Sätze samt Vor- und Nachspielen waren nun in erster Linie für Organisten konzipiert, welche das Pedalspiel beherrschten. Dazu kam, dass das Liedtempo in dem halben Jahrhundert seit Erscheinen des vorangehenden Gesangbuchs um einiges rascher geworden war. Die Orgelbegleitung zu den Liedern der zwei Anhänge waren von dem Freiburger Domkapellmeister Gustav Schweitzer verfasst worden.

Zahlreiche der qualitativ hochwertigen Sätze von Piel übernahm der Freiburger Komponist Franz Philipp in das von ihm geschaffene Orgelbuch zur Neufassung des "Magnifikats" von 1929 und schuf eine Begleitung im gleichen Stil für die inzwischen neu aufgenommenen Lieder sowie für jene der bisherigen Anhänge, da Gustav Schweitzers Orgelbegleitungen "in keiner Weise der edlen Haltung der Sätze von Piel entsprachen" (Franz Philipp: Orgelbuch zum Magnifikat, Freiburg 1929, S. III). Im Jahr 1954 erschien die zweite Auflage des Orgelbuchs, welche um die 1947 beschlossenen "Einheitslieder der deutschen Bistümer" erweitert worden war.

Bereits sechs Jahre später wurde die nunmehr dritte Fassung des "Magnifikat" herausgegeben. Für das zweibändige Orgelbuch hatte Hermann Schroeder die Begleitung des Gregorianischen Chorals verfasst, Bertold Hummel zeichnete für die Sätze zu den sonstigen Gesängen verantwortlich. Teilweise wurden zu Melodien alter Meister deren Originalsätze übernommen. Hummels Sätze sind zwar überwiegend von guter Spielbarkeit, der Zeit entsprechend klanglich aber oft von einer gewissen Sprödheit, typisch ist der Verzicht auf die Terz bei Zeilenschlüssen (im Gegensatz zu Piel und Philipp, welche bei den Schlüssen meist die Quinte wegfallen ließen). Erstaunlich ist, dass für Melodien zeitgenössischer Komponisten (Lohmann, Quack, Philipp) in der Regel nicht deren Sätze aufgenommen wurden, sondern von Hummel "dem Stil des Buches" (Orgelbuch zum Magnifikat, Bd. 2, Freiburg 1961, Vorwort) angepasste Neuschöpfungen geschaffen wurden.

Orgelbuch zum GOTTESLOB 1975
Beim Konzept des Orgelbuchs zum gemeinsam mit dem Nachbarbistum Rottenburg erarbeiteten Anhang zum 1975 veröffentlichten überdiözesanen Gesangbuch "Gotteslob" ging man davon ab, die Bearbeitung nur ein oder zwei Tonsetzern zu überlassen und übernahm stattdessen Sätze teils aus älteren Begleitbüchern, teils wurden sie neu geschaffen, überwiegend von den Mitgliedern der Orgelbuchkommission wie Bernhard Ader, Kunibertas Dobrovolskis, Raimund Hug und Harald Kugler. Maßgebliche Kriterien waren dabei "aufgelockerte Struktur und leichte Spielbarkeit" (Orgelbuch Rottenburg-Stuttgart, Freiburg/Ostfildern 1976, Vorwort). Letzteres Kriterium wurde, zumindest im Vergleich mit den Freiburger Vorgängerbüchern, nicht immer erfüllt (GL 802, 803!), wovon etliche handschriftlich eingetragene Verweise auf entsprechende leichtere Sätze des vorangegangenen "Magnifikat"-Orgelbuchs zeugen, die sich in Exemplaren an Freiburger Orgeln finden.

Beiheft 1985
Verschiedene Wünsche seitens der Gemeinden führten 1985 zur Herausgabe eines zweiten Anhangs speziell für das Erzbistum Freiburg. Neben Übernahme einiger Sätze aus den früheren "Magnifikat"-Orgelbüchern, schrieben überwiegend "bistumseigene" Kirchenmusiker neue Begleitungen für das 1991 dazu herausgegebene Orgelbuch. Jedem Lied wurde außerdem eine Intonation beigegeben, für die allerdings das gleiche Urteil zutrifft, mit welchem Franz Philipp seinerzeit die Aufnahme von Piels Vorspielen in das neue Orgelbuch ablehnte.
So imitiert eine neu komponierte Intonation zu einem Satz von Bertold Hummel dessen terzenarmen Stil, obwohl der nachfolgende Satz solche unvollständigen Akkorde gar nicht aufweist, ein wohl beabsichtigter stilistischer Zusammenhang also kaum klar wird (GL 01). Und nach Verklingen eines Vorspiels von teils nur vier Takten Länge (z. B. GL 04, 06, 056) dürfte lediglich der kleinste Teil der Gemeinde das entsprechende Lied aufgeschlagen haben und singbereit sein. Schon gar nicht wird bei solch lapidarer Kürze der begleitpraktischen Forderung des Vorworts entsprochen werden können, "in angemessener Entfernung zum Vorspiel-Ende" den Übergang zum Lied einzuleiten (Orgelbuch zum Beiheft Freiburg, Waldkirch 1991, S. 7).
Problematisch sind auch die, im Orgelbuch nicht angegebenen, tonartlichen Differenzen zum Beiheft und ihre praktischen Folgen. So konnte der Autor dieses Artikels einmal erleben, wie beim Weihnachtslied "Engel auf den Feldern singen" (GL 04) ein Kinderchor mit Keyboard-Begleitung die Strophen im G-Dur des Beihefts sang, während der Organist den Refrain der Gemeinde im F-Dur des Orgelbuchs begleitete.

Das Konzept der Orgelbuchkommission für das Orgelbuch zum Anhang Freiburg/ Rottenburg des neuen "Gotteslobs" vermeidet dagegen die Problematik der vorangegangenen diözesanen Begleitbücher und ist bestrebt, praktische Brauchbarkeit und stilistische Vielfalt miteinander zu vereinen.
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