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KMM 55
Meinrad Walter

So klingt die Kathedrale

Die Vokal- und Orgelmusik am Freiburger Münster



Dass das Freiburger Münster ein besonderer Ort der Kirchenmusik ist, leuchtet auf Anhieb ein. Von weitem schon sind die Glocken der Kathedrale zu hören. Und wer die Bischofskirche mit dem „schönsten Turm der Christenheit“ dann durch die farbenprächtige Vorhalle mit ihren fast dreihundert Figuren betritt, den grüßt „Frau Musica“ als eine der Sieben Freien Künste. Sie hält ein Glöckchen in der Hand, mit dem sie Beginn und Ende des Unterrichts im Gregorianischen Choral einläutet. Eine Lateinschule gab es in Freiburg bereits ab dem 13. Jahrhundert.

 


Baugeschichte und Musikgeschichte

Erbaut wurde das Freiburger Münster als große Pfarrkirche ab dem Jahr 1200. Mehr als dreihundert Jahre lang baute man an diesem steinernen Kunstwerk. Musikgeschichtlich fällt der Baubeginn noch mitten in die Notre-Dame-Epoche mit ihrer Kathedralkunst in den Organa von Leonin und Perotin. Als das Freiburger Münster im Jahr 1513 geweiht wurde, steht die franko-flämische Vokalpolyphonie mit Komponisten wie Heinrich Isaac in voller Blüte. Wenige Jahre darauf werden Palestrina und Orlando di Lasso geboren. In Freiburg wirkten damals weniger berühmte, humanistisch geprägte Musiker wie Hans Weck (1495 - 1536) und Sixt Dietrich (1493 - 1548) sowie der Musiktheoretiker Heinrich Glarean (1488 - 1563), der in einem Gutachten den Musikunterricht der bereits genannten Lateinschule beschreibt: Dass die liturgischen Gesänge auf eine Tafel notiert, von den Knaben abgeschrieben und unter Aufsicht des Cantors erlernt werden, „ist allen Kindern nutz und gut, denn also lernen sie das Maul uff thun“.
Doch auch nach der Einweihung wurde am Münster noch lange weitergebaut. Das Renaissanceportal zum Historischen Kaufhaus hin stammt von 1620, ist somit zeitgleich mit den Werken von Claudio Monteverdi und Heinrich Schütz. Und als 1827 Münsterpfarrer Bernhard Boll Erzbischof des neu errichteten Bistums Freiburg und die Freiburger Bürgerkirche zugleich Kathedrale wurde, da war neben vielen heute kaum noch bekannten Werken auch Ludwig van Beethovens Messe C-Dur, op. 86, schon im Repertoire des Chores, der plötzlich vom Münsterchor zur Domkapelle avancierte. Bis heute ist dieses Werk übrigens in Gebrauch.
Mit weltberühmten Komponisten konnte die Musik in Freiburg eigentlich nie aufwarten. Überregionale Bedeutung hatte Münsterorganist Franz Anton Maichelbeck (1702 - 1750), der von der Insel Reichenau stammte. Sein bedeutendstes Werk ist ein Requiem für Kaiser Karl VI. aus dem Jahr 1740. Im Bereich der Tastenmusik veröffentlichte er Unterrichtsstücke mit dem Titel „Die auf dem Clavier spielende, und das
Gehör vergnügende Caecilia“ (1736) sowie „Die auf dem Clavier lehrende Caecilia“ (1738).

 

 

Das Palais als Haus der Musik

Doch kehren wir zur Gegenwart zurück – auf unserem Spaziergang rund um die Münstermusik, der in der Portalhalle begonnen hat. Bedürfte es noch eines weiteren Beweises für die Wertschätzung der Musica Sacra in Freiburg, dann sollten wir den Blick auf die Domsingschule richten. Das ist nicht irgendein Haus der Musik, sondern eine Schule „im Palais“. Bis vor etwa fünfzig Jahren residierte hier der Freiburger Erzbischof. Seit 1997 ist das Palais mit „Mozartsaal“ und „Bischofssaal“ sowie Hauskapelle, Verwaltungs- und Unterrichtsräumen das Domizil der Freiburger Dommusik als „Keimzelle einer vorbildlichen Kirchenmusik in der ganzen Diözese“, so der damalige Erzbischof Dr. Oskar Saier bei der Einweihung des Hauses, das ein langes und unbefriedigendes Provisorium in der „Alten Wache“ beendet hat.

 

 

Vokalmusik am Münster U.L.F.

Beginnen wir mit der Chormusik. Nicht weniger als sechs vokale Ensembles gibt es am Freiburger Münster: Domsingknaben und Mädchenkantorei, Domchor und Domkapelle, Choralschola und Kantorenschola. Zwei bis drei Mal im Jahr findet sich überdies das Münsterorchester zusammen. Fest angestellt sind für die Leitung der Vokalmusik Domkapellmeister Boris Böhmann und Domkantorin Martina van Lengerich.
Bei meinem Besuch im Palais ist es überraschend ruhig. Doch es ist Vormittag, Jungen wie Mädchen sind in der Schule. Für Martina van Lengerich und Boris Böhmann ist das die Zeit der Vor- und Nachbereitung und des Repertoirestudiums – wenn nicht Besucher zu empfangen sind. Nachmittags sind dann im Palais viele Kinderstimmen zu hören, weil in den verschiedenen Formationen geprobt wird. Abends proben die
Erwachsenenchöre.
Die beiden Chorleiter am Münster sind gern in Freiburg, rühmen die hohe Lebensqualität der Musikstadt ebenso wie die Arbeitsbedingungen: „Wir haben die schönste Kirche und das schönste Probenhaus, außerdem großen Spielraum in der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten und Konzerten.“ Die Arbeit geht ihnen nicht aus, denn insgesamt 600 Kinder, Jugendliche und Erwachsene singen in den Ensembles der Dommusik. Die jüngsten sind im Kindergartenalter und besuchen die „Musikalische Früherziehung“. Im Aufbau befindet sich schon die Früherziehung für Kinder unter drei Jahren. Die MFE ist „proppevoll“, und voll ausgelastet sind auch die Vorchöre und A-Chöre.

 

 

Domsingknaben

Besuchen wir die Ensembles nacheinander, beginnend mit den Domsingknaben. Das ist die historisch älteste Formation, die aber nicht immer bestanden hat. Nach der Auflösung in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Domsingknaben an Allerheiligen 1970 vom damaligen Domkapellmeister Raimund Hug neu gegründet. Gegliedert in Vorchor (1. Schuljahr), Aufbauchor (2. bis 4. Schuljahr) und Kammerchor (ab 5. Schuljahr) wirken die Jungen bei der sonn- und festtäglichen Liturgie und bei Konzerten mit. Die dem Knabenchor durch Stimmbruch entwachsenen jungen Männer treffen sich zur „Mutantenrunde“.
Die Erwartungen an die jungen Mitglieder in den Kammerchören sind durchaus anspruchsvoll. Zwei Proben pro Woche sind Pflichtprogramm. Hinzu kommt die obligatorische Stimmbildung, eine Zeitlang auch ein Kurs in Musiktheorie und Harmonielehre – und nicht zu vergessen die Auftritte, zumal an den Feiertagen, wenn viele gerne in Urlaub fahren. „Die Mitwirkung Ihres Kindes in der Dommusik wird Ihr familiäres Leben verändern“, sagt DKM Boris Böhmann den interessierten Eltern.

 

 

Konzertreise nach Australien

Im Jahr 2005 waren die Mädchen in Russland, und dieses Jahr steht für die Domsingknaben ein ganz besonderes Projekt auf dem Programm. Der ehrenamtliche Dienst, der neben musikalisch-stimmlicher Begabung auch Disziplin und Engagement verlangt, wird „belohnt“ durch eine Konzertreise nach Australien vom 19. August bis zum 4. September. Geplant sind Gottesdienste und Konzerte in Canberra, Sydney, Melbourne und Brisbane. Zu hören ist ein a-cappella-Programm und – passend zum Mozart-Jahr – das Mozart-Requiem.
Inzwischen „steht“ die Finanzierung der Reise, die vorwiegend auf Sponsoring beruht. Dazu greift der Domkapellmeister selbst zum Telefon, um Förderer zu gewinnen. Ein Empfehlungsschreiben von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch an seine australischen Kollegen hat dort so manche Tür geöffnet. Wer aber darf mitfahren, wenn der Chor größer ist als die Anzahl der Plätze im Flugzeug? Als entscheidende Kriterien nennt Böhmann „Disziplin und Treue“. Er weiß, dass er die Kinder, die er musikalisch fördert, auch fordern darf. „Hänger“, die nur mit „halber Kraft dabei sind“, sieht er ungern.

 

 

Domsingknaben & Thomas Gottschalk

Dass es auf Reisen auch zu ganz spontanen Begegnungen kommt, erlebten die Freiburger Domsingknaben in der Osterwoche 2005. Da waren sie in der Hauptstadt Berlin und hatten ein volles Programm mit Konzerten und Gottesdiensten in der St. Hedwigskathedrale, der Gedächtniskirche und dem Berliner Dom. Ein „Spontankonzert“ gab es im Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Die überraschendste Begegnung aber ereignete sich am Rande eines Opernbesuchs. Vor der Komischen Oper, an der Mozarts „Zauberflöte“ gegeben wurde, war plötzlich TV-Star Thomas Gottschalk unter den Domsingknaben zu sehen. Er löste an diesem Abend durch die Mitwirkung im Opernchor seine verlorene Wette bei „Wetten, dass …“ ein. Für die jungen Freiburger Sänger gab es ein Erinnerungsbild und Autogramme.

 

 

Mädchenkantorei

Das jüngste Ensemble der Freiburger Dommusik ist die Mädchenkantorei. Sängerinnen sind ja am Freiburger Münster erst seit dem Jahr 1806 regelmäßig nachweisbar. Davor hatten die Frauen zu schweigen, die Oberstimmen wurden von Knaben oder Männern gesungen. Seit 2003 leitet die damals neu ernannte Domkantorin Marina van Lengerich die 1973 gegründete Mädchenkantorei. Sie hat in Düsseldorf studiert und wirkte bereits am Essener Dom sowie in Coesfeld. Ihr Notenschrank ist mit interessanten Werken bestens bestückt. Deshalb kann man ihr Büro gar nicht anders verlassen als mit interessanten Tipps und neuen Ideen! „Aber man kann ja nicht alles auf einmal machen“, heißt der Ratschlag aus Erfahrung, mit dem sie den neugierigen Frager entlässt.
Die klare Einteilung in musikalische Mädchen- und Jungenarbeit hat sich in der Freiburger Domsingschule bestens bewährt. Da sind sich Domkantorin und Domkapellmeister einig. Beide Gruppen entfalten sich so besser und können spezifischer gefördert werden. Der Umgangston bei den Jungs ist gelegentlich etwas „rabaukiger“ als bei den Mädchen, viele der Mädchen denken dafür schon „sozialer“ im Schulalter. Und eine „gesunde Konkurrenz“ schadet gar nicht! Manchmal singen Mädchenkantorei und Domsingknaben auch gemeinsam, worauf sich beide Gruppen dann immer freuen. Auch die Mädchenkantorei bestreitet zahlreiche Auftritte außerhalb von Freiburg, letztes Jahr etwa ein adventliches Benefizkonzert in der Pfarrkirche Oberried.

Mit dem Kolleg St. Sebastian in Freiburgs Vorort Stegen im Dreisamtal gibt es eine seit langem eingespielte Kooperation. An diesem musischen Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft der Schulstiftung unterrichten die Leiter der Freiburger Dommusik zeitweise in den 5. Klassen, um für die Dommusik zu werben. Zur Zeit hält Martina van Lengerich in Stegen eine wöchentliche Probe in einer Schulstunde.

 

 

„Chorraum Münster“

Im Mittelpunkt der musikalischen Arbeit stehen die zahlreichen Gottesdienste im Freiburger Münster. Große Konzerte gibt es jeweils im Sommer und am Zweiten Adventssonntag. Seit dem letzten Jahr gibt es unter dem Titel „Chorraum Münster“ eine neue Konzertreihe, in der auch Gastchöre eingeladen werden. Waren es 2005 u. a. der Freiburger Bachchor, so stehen 2006 Kinderchöre im Mittelpunkt. Chöre des Pueri-Cantores-Verbandes, nämlich die Rottenburger Domsingknaben und der Mädchenchor am Essener Dom singen gemeinsam mit den Freiburger Domsingknaben und der hiesigen Mädchenkantorei. Wichtig ist bei dieser Konzertreihe die Ausrichtung auf a-cappella-Musik und der verkündigende Charakter der Werke; und nicht zuletzt soll das Münster als Klangraum erfahrbar werden, etwa durch wechselnde Aufstellungen.

 

 

Dommusik und Amt für Kirchenmusik

Intensiviert wurden in den letzten Jahren die Kontakte zwischen der Dommusik und dem Amt für Kirchenmusik. So unterrichten Domkapellmeister Boris Böhmann und Domkantorin Martina van Lengerich jeweils auf einem der Intensivkurse in der C-Ausbildung und sind gern gesehene Gäste bei der Konferenz der Bezirkskantoren. Die bereits beim Diözesanjubiläum mit DKM Dr. Raimund Hug begonnene musikalische Zusammenarbeit – bereits damals sangen die Domsingknaben und ein „C-Kurs-Chor“ – wird beim Diözesantag am 2. Juli 2006 intensiviert, wenn sich die Domsingschule als „Haus der Musik“ präsentiert und die Dommusik gemeinsam mit dem diesjährigen „C-Kurs-Chor“ die Eucharistiefeier mit zum Teil doppelchörigen Werken mitgestaltet. Traditionelle Kooperationen pflegt die Dommusik mit dem Freiburger Bachchor und dem Theater.


Orgeln und Organisten

Nun aber zur Orgelmusik im Freiburger Münster. Seit mehr als fünfhundert Jahren ertönen Orgelklänge in diesem Kirchenraum, denn bereits 1545 ist ein Orgelneubau durch Jörg Ebert aus Ravensburg dokumentiert. Eberts Orgel nahm als „Schwalbennestorgel“ bereits den Platz der heutigen Langschifforgel ein. Zu ihren Registern zählten ein zwölfchöriger „Gewaltiger Hintersatz“, „Lieblichs Flötlein“ sowie „Vogelgesang“ und „Heertrummen“.

 

 

Das „Orgelquartett“ von 1965

In der nicht ganz leicht zu durchschauenden Geschichte der Orgeln im Freiburger Münster kam es im 20. Jahrhundert, nach etlichen Um- und Neubauten durch verschiedene Firmen, erst 1965 zu einem bis heute wirksamen Einschnitt. Geplant und realisiert wurde auf Initiative des damaligen Domorganisten Dr. Carl Winter das heute so vertraute „Orgelquartett“ mit Marienorgel, Langschifforgel, Chororgel und Michaelorgel. Außer der Chororgel verfügen alle Instrumente über einen eigenen Spieltisch. Vom Hauptspieltisch – er stammt aus dem Jahr 1990 – aus sind alle Orgeln einzeln sowie gemeinsam mit elektrischer Traktur spielbar.

Die Chororgel der Firma Rieger (Schwarzach) stand zunächst in einer Nische links im Chorraum, also dem Spieltisch gegenüber. 1990 wurde sie auf die rechte Seite versetzt. Im Rahmen einer Renovierung durch Fischer & Krämer (Endingen) wurde ihre klangliche Schärfe etwas zurückgenommen. Dass mit dieser Versetzung die Möglichkeit verloren ging, die angekoppelte Chororgel zur „akustischen Kontrolle“ der am Hauptspieltisch nur verzögert zu hörenden Marienorgel einzusetzen, bedauern manche Organisten.

Die Marienorgel, ebenfalls von der österreichischen Firma Rieger, ist als große Hauptorgel in den Raum „hineinkomponiert“ (Hans Musch). In den Jahren 2000 und 2001 wurde sie ausgereinigt und nachintoniert. Zugleich erhielt sie ihre erste (!) Streicherstimme und ein Glockenspiel mit 27 Tönen. Auch ein Untersatz 32’ wurde ergänzt. Diese Arbeiten führten die Firmen Goll (Luzern) und Glatter-Götz (Owingen) aus.

Die Schwalbennestorgel im Langschiff des Münsters stammt von der dänischen Werkstätte Marcussen & Söhne (Apenrade). An ihr beginnen in aller Regel die Orgelkonzerte. Mit nur 21 Registern füllt dieses Instrument den Raum ganz ohne Aufdringlichkeit. Vor allem für die frühe Orgelmusik und die Werke des Barock einschließlich
Johann Sebastian Bach eignet sich dieses Instrument mit seinem noblen Klang.


Sorgenkind Michaelorgel

Die Michaelorgel (Gebr. Späth, Ennetach 1965) ist schon seit einigen Jahren das Sorgenkind im „Orgelquartett“. Ihr technischer und musikalischer Zustand wäre selbst durch eine Renovation kaum wesentlich zu verbessern. Die mangelnde rhythmische Präzision behindert das Zusammenwirken von Chor und Orchester bei den Messen der Wiener Klassik. Inzwischen ist ein Neubau unter Beibehaltung des äußeren Erscheinungsbildes in Planung. Das Werk soll 34 klingende Stimmen erhalten und vor allem mit Registern bestückt werden, die im Ensemble der vier Münsterorgeln bislang fehlen. Gespannt sein darf man auf eine horizontale „Tuba magna“ nach dem Vorbild englischer Kathedralorgeln.

 

 

Domorganist und Münsterorganistin

Professor Klemens Schnorr spielt als Domorganist die Gottesdienste des Domkapitels und des Erzbischofs. Dazu zählen neben den sonntäglichen Kapitelsämtern noch einige andere Feiern wie die der Taufzulassung, die Priesterweihe oder seit zwei Jahren der Aschermittwoch der Künstler. Wir unterhalten uns am Montag der Karwoche, kurz bevor der Domorganist im Mozartsaal der Domsingschule bei der Probe zur Chrisammesse erwartet wird.

Die ganz besondere Orgelanlage des Freiburger Münsters nimmt Schnorr wie sie ist: als gewachsenes Ensemble mit allen Stärken und Schwächen. Wenn eine große Gemeinde gut und kräftig singt, ist ihm das eine Freude. Zur Begleitung setzt er alle vier Orgeln ein, weil sich ansonsten die klanglichen Schwächen, vor allem in der Mittellage, negativ auswirken. Dass sehr viel Konzentration und Erfahrung beim liturgischen und konzertanten Spiel vonnöten sind, ahnt man, wenn man einen Blick auf den komplexen Hauptspieltisch wirft.

 

 

Immer dienstags: Orgelkonzert

Auf eine jahrzehntelange Tradition können die sommerlichen Orgelkonzerte zurückblicken. Gelegentlich kommt es sogar vor, dass Touristen im Amt für Kirchenmusik nach den Terminen und dem jeweils spielenden Solisten fragen, weil sie in Erinnerung an ihre hier verbrachte Studienzeit „genau wie damals“ wieder einmal ein Dienstags-Orgelkonzert hören wollen. Unvergessen ist vielen das Jahr 1985, als Ludwig Doerr ausnahmsweise keine auswärtigen Organisten einlud, sondern einen Sommer lang das Gesamtwerk Johann Sebastian Bachs für Orgel interpretierte. Im Bachjahr 2000 kam das komplette Orgelwerk Bachs erneut zur Aufführung.
Mit dabei ist bei diesen Orgelkonzerten immer auch der „Rohraffe“, eine Gestalt aus dem Jahr 1530, geschaffen von Meister Sixt von Staufen, dem wir auch die Schutzmantel-Madonna des Freiburger Münsters verdanken. Der Rohraffe befindet sich unter der Marcussen-Orgel im Langschiff. Auf Knopfdruck des Organisten führt der bärtige Geselle seine Trompete zum Mund, deren Wimpel dann noch einige Male hin und her schwingt. Ein Ritual, das viele Besucher nicht missen wollen.

Besonders erfreulich findet Klemens Schnorr den ungebrochenen Besucheransturm bei dieser Konzertreihe. Über die bisweilen einseitige bis verzerrte Darstellung solcher Abende in Freiburger Konzertkritiken ist er nicht immer beglückt, aber das ist in der Bischofsstadt mit einer Monopolzeitung ohnehin ein ganz besonderes Kapitel … Schnorr berichtet lieber von jenen unvermutet positiven Reaktionen auf die Kirchenmusik, die wohl jeder in diesem Metier Tätige kennt. Also war doch nicht alles „in den Wind gesungen oder gespielt“!
Als neuen Akzent gibt es in der Dienstagsreihe seit einigen Jahren zum Abschluss ein Konzert mit der Besetzung „Orgel plus“. Dieses Jahr sogar mit doppeltem Plus, nämlich in der Kombination Orgel plus Posaune plus Horn. Sorgen bereitet dem Domorganisten gelegentlich die Stimmung und Wartung der vier Instrumente, um die er sich bislang kümmert, zumal die finanziellen Mittel der Orgelpflege hauptsächlich aus dem Erlös der Dienstagskonzerte stammen. Vor Weihnachten und in der Karwoche sowie zu Beginn der Konzertreihe muss zwischen allen anderen Aktivitäten im Münster Zeit für die aufwändige Orgelstimmung gefunden werden, die freilich nicht geräuschlos abgehen kann.

 


Zukunft der Kirchenmusik?

Mancher junge C-Organist träumt vielleicht vom Amt des Domorganisten mit einem ganzen „Orgelquartett“ als Instrument. Da verweist Klemens Schnorr, der im Hauptberuf ja an der Freiburger Musikhochschule Kirchenmusiker und Konzertorganisten ausbildet, darauf, dass der Hauptspieltisch im Freiburger Münster ein ganz schön „stressiger“ Arbeitsplatz ist. Und er gibt zu bedenken, dass die Berufsaussichten für Kirchenmusiker/innen derzeit „nicht rosig“ sind. Für bedenklich hält er den Rückgang der finanziellen Mittel ebenso wie die problematische „Spannung zwischen U- und E-Musik“. Was also muss ein Kirchenmusiker, egal wo er tätig ist, unbedingt mitbringen? Für Klemens Schnorr sind das Idealismus und „eine unerschütterliche Liebe zur Musik und zur Kirche“.

 

 

Marktmusik und Meditation

Dass das Freiburger Münster Bischofskathedrale und Pfarrkirche zugleich ist, zeigt sich auch an der Besetzung mit zwei Organisten. Barbara Kolberg ist seit 1999 als Münsterorganistin tätig. Mit 30% Stellenumfang unterrichtet sie zudem in der liturgie-musikalischen Ausbildung der pastoralen Berufe, was die Chance einschließt, Studierende in die Vorbereitung und Durchführung der Musik am Münster mit einzubinden. Ihr „Münster-Schwerpunkt“ ist zweigeteilt und umfasst zunächst das Orgelspiel in den Gottesdiensten der Dompfarrei werktags wie sonntags. Während wir uns unterhalten, klingelt das Telefon und einige Details zu einer Maiandacht im Münster sind noch rasch zu klären.

Barbara Kolberg ist fasziniert vom Raum des Münsters und seinen vielen Möglichkeiten: „Das Beste an den Orgeln ist ihr Raum“. Die musikalisch von ihr betreute Reihe „Zur Nacht“ sucht auch die Kooperation mit anderen Künsten, am 31. März dieses Jahres etwa mit dem TanzTheater Freiburg und Heidelberg. Geplant ist eine abendliche Reihe mit Meditationen zu jeweils einem Kirchenlied. Dass es im Münster oft sehr laut zugeht und zwischen dem touristischen Interesse und dem Charakter des sakralen Raumes Kompromisse gefunden werden müssen, beschäftigt auch Barbara Kolberg. Besonders wichtig ist ihr das pastoral-künstlerische Konzept musikalischer Veranstaltungen. „Wir gehen mit neuen Akzenten auf die suchenden Menschen zu, biedern uns aber nicht an, um das Münster voll zu kriegen.“
Die Orgelmusik zur Marktzeit an zehn Samstagen zwischen Ostern und Weihnachten will eine kleine „Oase der Besinnung“ sein, jeweils samstags von 11.30 bis 11.55 Uhr. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass in dieser Zeit Münsterplatz und auch Münster ohnehin voller Menschen sind.


Jubiläum der „Hosanna“ 2008

Mit der kleinsten Glocke, derjenigen von „Frau Musica“ in der Portalhalle, hatten wir unseren Spaziergang rund um die Musik am Freiburger Münster begonnen. Am 18. Juli 2008 wird die berühmteste Glocke des Münsters, die „Hosanna“, auf den Tag genau 750 Jahre alt. Bei dem schon in Umrissen geplanten großen Fest wird selbstverständlich die Freiburger Dommusik mitwirken – vielleicht wie bei anderen bedeutenden Ereignissen, etwa dem Bistumsjubiläum 2002, wieder „im tutti“: mit Klemens Schnorr an der Orgel, Barbara Kolberg als Kantorin sowie Martina van Lengerich und Boris Böhmann als Dirigenten. Solche Gelegenheiten intensivieren das Miteinander der Ensembles und der Verantwortlichen. Doch bis 2008 sind im Freiburger Münster noch etliche Gottesdienste und Konzerte vokal und instrumental zu bestreiten …


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