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KMM 53
Meinrad Walter

Klänge zwischen Himmel und Erde

Glocken als besondere Musikinstrumente



„Schon die Abendglocken klangen…“ – kaum ein Kirchen- oder Männerchor, der das stimmungsvolle Abendlied nicht im Repertoire hat. Es stammt aus der Oper „Das Nachtlager in Granada“ des in Meßkirch geborenen und in Riga gestorbenen Komponisten Conradin Kreutzer (1780 – 1849). Organisten wiederum präsentieren gerne Louis Viernes „Carillon de Westminster“ op. 54,6 mit dem berühmten Glockenschlag des „Big Ben“. Für Pianisten sind die Glöckchen in Franz Liszts „La Campanella“-Etüde (nach Paganinis Violinstück) eine echte Herausforderung, wohingegen Mendelssohns Vertonung des Heine-Gedichts „Leise zieht durch mein Gemüt / Liebliches Geläute“ eher wie ein idyllisches Aquarell mit Glockenton wirkt.


Glocken-Variationen
Weder die christlichen Kirchen noch die abendländische Kultur und Musik sind denkbar ohne Glocken. Bereits ihr Spektrum in Material und Form ist imposant: von den Glöckchen des Zimbelsterns in einer Orgel bis zur Großgeläut, mit Formen wie „Nussschale“, „Bienenkorb“ oder „Zuckerhut“. Es gibt Handglocken (sogar in orchestraler Besetzung) und Hofglocken. Die Altarschellen gehören mit dazu, ebenso die Klangschale und das Glockenspiel, das bei uns freilich nur selten anzutreffen ist. In Eppingen gibt es ein solches Carillon mit 49 Bronzeglocken und Klaviaturspieltisch. 600 kg wiegt die größte Glocke. Jeweils nach der Vorabend- und der Sonntagsmesse lässt Kantor Andreas Schmidt das Carillon manuell live erklingen. Das automatische Spiel ist jeden Tag von 10 bis 19 Uhr zur vollen Stunde zu hören. Am interessantesten ist aber das konzertante Spiel im Rahmen des „Eppinger Carillonsommers“.

In der seit letztem Jahr frisch restaurierten Hauptportalhalle des Freiburger Münsters sehen wir unter den vor etwa 700 Jahren entstandenen Figuren nicht nur Gestalten des Alten und Neuen Testaments, sondern – auf der rechten Seite, wenn man hineingeht – auch die Sieben Freien Künste des Mittelalters als Frauengestalten. Darunter die „Frau Musica“, die mit einem Hämmerchen eine Handglocke anschlägt, wohl als Signal für den Beginn und das Ende der Unterrichtsstunden im Gregorianischen Choral. Ihr im Vergleich mit den anderen Künsten eher orientalisch-exotisches Aussehen könnte sogar darauf hindeuten, dass auch die Steinmetze wussten, welch lange Reise von China über Indien und Mesopotamien bis Vorderasien das Instrument Glocke schon hinter sich hatte, als es in Europa ankam.


Buben und Maschinen läuten
Heute geschieht das Läuten der Glocke in aller Regel automatisiert. Nur noch auf manchen Schwarzwaldhöfen wird die Hofglocke wie früher „von Hand“ geläutet. „Läutebuben“ nannte man die Ministranten, die unter der strengen Aufsicht des Mesners mit diesem kirchlichen Dienst beauftragt waren. Einige von ihnen sind sogar berühmt geworden wie der Philosoph Martin Heidegger (1889 – 1976) aus Meßkirch. In seinem späten Text „Der Feldweg“ erinnert er sich: „Hinter dem Schloß ragt der Turm der St. Martinskirche. Langsam, fast zögernd verhallen elf Stundenschläge in der Nacht. Die alte Glocke, an deren Seilen oft Bubenhände sich heißgerieben, zittert unter den Schlägen des Stundenhammers,dessen finster drolliges Gesicht keiner vergisst.“
Dass sich Tagungsgäste und Referenten um das Läuten der Glocke förmlich reißen, ereignet sich gelegentlich in der Kapelle der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb, obwohl Jan Badewien, der Direktor dieser Akademie, die Aufgabe des Läutens gar nicht gerne aus der Hand gibt. In Bad Herrenalb nämlich wird die Glocke tatsächlich von Hand geläutet. Diese Glocke hat keinen Glockenturm, sondern sie befindet sich im Mauerwerk in einem gläsernen Kasten. So läutet sie – entsprechend dem Auftrag der kirchlichen Akademien – in den kirchlichen Raum hinein und in die Welt hinaus. Von außen wie von innen ist diese Glocke nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen.
Vielleicht liegt es ja an der üblichen Unsichtbarkeit von Glocken, dass ihre Details wenig bekannt sind. Welcher Kirchenmusiker weiß schon genau, welches die Töne seiner eigenen Kirchenglocken sind – die auch schon mal mit dem Einsingen des Chores vor dem Gottesdienst in Konflikt geraten. Und wer hat schon einmal versucht, gemeinsam mit den Glocken zu musizieren?


Der „Herr der Glocken“
Den besten Überblick über die 2500 Glokkentürme mit über 6000 Glocken in der Erzdiözese Freiburg hat der international renommierte Glockenexperte Kurt Kramer.
Seit 30 Jahren wirkt er als Glockensachverständiger des Bistums mit Sitz in Karlsruhe, gleich neben der Kirche St. Stephan. Zudem ist er Vorsitzender des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zum unerschöpflichen Thema „Glocken“. Unter Kramers Federführung fanden im September 2004 die „Europäischen Glockentage“ in der Glockengießerstadt Karlsruhe statt. Dieses weltweit größte Glockenfestival, an dem 80 Kultureinrichtungen mitwirkten, lockte viele Besucher an. Und was war nicht alles zu erleben: der Stummfilmklassiker „Der Glöckner von Notre Dame“ mit Live-Orgelmusik von Günter Buchwald, ein Glockenmarkt, Vorträge und Uraufführungen wie das Kindermusical „Alice im Glockenland“ (vgl. KMM 52, S. 46 – 48).


Technik der Glocken
Höhepunkt waren zwei Glockengüsse. Der Guss der „Karlsruher Friedensglocke“ für die Christuskirche zum 100-jährigen Jubiläum der traditionsreichen Glockengießerei Bachert wurde live aus der Glockengießerei auf den Marktplatz übertragen. Auf dem Marktplatz selbst gab es am 25. September den nächtlichen Glockenguss einer „Europäischen Friedensglocke“ für das Straßburger Münster – und zwar mit der Glockenguss-Zeremonie, die Kurt Kramer für besonders wichtig hält.

Bei einer Glockenprüfung verlässt Kurt Kramer sich auf sein Gehör, obwohl er sich bei extremen Lautstärken in unmittelbarer Nähe zu großen Glocken schon auch mal die Ohren zuhalten muss. Wie ein Arzt hört er auf den Klang und stellt dann die Diagnose. Schlägt der Klöppel richtig an? Wie steht es um die Sicherheit des Glockenstuhls? Wie lange dauert der „Nachklang“ einer Glocke, und wie klingt das gesamte Ensemble im „Plenum“? Eine Wissenschaft für sich ist der Ton einer Glocke. Eigenartigerweise gilt als Bezugswert für die Teiltöne ein Ton, der physikalisch gar nicht nachweisbar ist, sondern auf subjektiver Tonempfindung beruht: der „Nominal“ (früher auch „Schlagton“ genannt).
Die Teiltöne einer in gotischer Rippe gegossenen Glocke mit dem Nominal c’ haben im Idealfall folgenden Aufbau:


c° Unterton
c’ Nominal
c’ Prime
es’Terz
g’ Quinte
c’’ Oktave
(evt. es’’ Dezime Moll)
e’’ Dezime Dur
f’’ Undezime
g’’ Duodezime
a’’’ Tredezime
c’’’ Doppeloktave
(nach: Die Glocken in Geschichte und Gegenwart. Bd. 2, S. 52).

Neben physikalischen Phänomenen wie dem „Doppler-Effekt“ bestimmen viele Faktoren den Klang einer Glocke: ein gerades Glockenjoch aus Holz ist besser als ein gekröpftes aus Metall, Schallläden mit Holzlamellen können den Klang verbessern. Auch Anschlagpunkt und Läutewinkel des Klöppels sowie dessen Gewicht und Beschaffenheit beeinflussen den Klang. Was aber geschieht, wenn eine wertvolle alte Glocke gesprungen ist, wie die berühmte „Gloriosa“ im Erfurter Dom? Dann versucht eine Spezialfirma wie das Glockenschweißwerk Hans Lachenmeyer in Nördlingen, durch Schweißen die Glocke zu retten. Dazu wird sie ganz langsam aufgewärmt. In Erfurt dauerte diese Prozedur (im Glockenstuhl) 26 Stunden! Der Riss wurde bei einer Schweißtemperatur von über 400 Grad geschlossen, acht Tage dauerte dann das Abkühlen. Nach dem „Auspacken“ der „Gloriosa“ zeigte sich sichtbar und hörbar, dass sie gerettet war. 310 Sekunden beträgt die Nachklangdauer des Untertons.

Herkunft der Glocken
Von einem Erfinder oder Entdecker wissen wir nichts, sie war einfach da. Vor ca. 5000 Jahren schlug die Geburtsstunde der Glocke. Zunächst finden wir sie in China, wo ihr Hohlraum zugleich die Maßeinheit für Getreide war und ihr Durchmesser das Längenmaß. In Indien kennt sie der Buddhismus als Symbol irdisch-göttlicher Harmonie und als „Instrument der Instrumente“, das – ähnlich der Orgel bei uns – alle Möglichkeiten der Musik in sich fasst. Von der Handglocke bis zur Glocken-Gigantomanie reicht das östliche Spektrum. Als größte jemals gegossene Glocke gilt die 90 Tonnen schwere „Mingun-Glocke“ von Birma aus dem Jahr 1808. Der Tempel, der für sie gebaut wurde, blieb Ruine und ruinierte zugleich die Finanzen des Landes.


Östliche Glocken-Weisheit
In der Weisheit des Buddhismus hören wir poetische Glocken-Verse, bei denen der Glockenton bereits die klösterliche Atmosphäre beinhaltet, etwa von Tschen-Fu aus dem 7. vorchristlichen Jh.:
„Versteckt in tiefem Tale liegt ein Kloster an den Berg geschmiegt, verborgen ganz im Bambushain und rings umrankt von wildem Wein. Die Glocke schallt, die Glocke schweigt. Aus tiefem Tal der Nebel steigt. Vom Bergquell kehrt mit ruhigem Blick ein alter Mönch zum Tor zurück. Von Fichtenzweigen tropft der Tau, wie Perlen schimmernd grünlich-blau. Der letzte Glockenton verhallt. Das Klostertor geht knarrend zu. Ein Ästchen suchen sich im Wald die Vögel nun zur Ruh.“


Glocken in der Literatur
Diejenigen, die in unseren Schulen noch Schillers „Glocke“ auswendig lernen mussten, werden immer weniger:


„Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.“

 

In Freiburg war es der Dichter Reinhold Schneider, der immer wieder Glocken literarisch erklingen ließ. In seinen „Gedanken des Friedens“ spricht er vom „Schall der Glocken“, der „sich emporschwingt aus der Zeitlichkeit in den Himmel“. Viele Zeugnisse sind überliefert, in denen Gefangene sich durch den Glockenton, den sie von ferne hören, mit der Außenwelt tröstlich verbunden fühlen.
Sofie Scholl hörte in der Gestapo-Haft in Ulm 1943 die Glocken des Ulmer Münsters:
„Was sie uns zutrugen, kann nur ihr Klang wiedergeben, es ist nicht in Worte zu übersetzen. Die Münsterglocken waren das Jenseits der Zelle, verbindend, nicht trennend, tröstend, nicht verletzend. Sie bewegten die Luft,und die Wellen hoben uns über die Gitter weg hinaus in die Welt“ (Brief an den Vater).
Ganz ähnlich berichtet Anne Frank von den Glocken zu Amsterdam,die sie in ihrem Versteck hörte. In ihrem berühmten Tagebuch notiert sie: „Vater, Mutter und Margot können sich noch immer nicht an das Geräusch der Westturmglocke gewöhnen, die jede Viertelstunde angibt, wie spät es ist. Ich schon, mir hat es sofort gefallen, und besonders nachts ist es so etwas Vertrautes.“


Die Glocke im Recht
Glocken erregen die Gemüter mancher Langschläfer und gelangen so bis vor die höchsten Gerichte, die dann über mögliche „Abwehransprüche gegen Glockenläuten“ entscheiden müssen. Im juristischen Sinne sind Glocken sog. „res sacrae“, deren Gebrauch den Schutz der positiven Religionsfreiheit genießt. Kommt es zu Beschwerden der Nachbarschaft, werden gütliche Regelungen gesucht, z.B. die Anbringung von Schallläden. Bei gerichtlichen Auseinandersetzungen kamen die Glocken bislang glimpflich weg; sie dürfen aus Gründen der „Herkömmlichkeit und sozialen Adäquanz“ sogar die Richtwerte der „Technischen Anleitung Lärm“ (1998) überschreiten! Vor Gericht werden dabei auch sehr tiefschürfende Fragen erörtert, z.B. die, ob der Stundenschlag einer Glocke eher eine sakrale oder eher eine profane Angelegenheit darstellt.
Einen literarischen Anwalt haben Glockengegner in dem Lyriker Reiner Kunze gefunden, der im Übrigen der Orgel ja sehr wohlgesonnen ist. Aber die Glocken stören ihn: „Morgen für morgen verheert ihr geläut meinen schlaf“. Allerdings halten wir ihm zugute, dass er nicht wie andere Zeitgenossen gleich die Gerichte bemüht, sondern zunächst seine Phantasie: „An einem montag im nebel werde ich die glocken pflücken / wie überreife früchte / und sie verfüttern an den glockenfisch“.


Glocken in der Musik
Komponisten aller Epochen ließen sich vom Klang der Glocken inspirieren. In Johann Sebastian Bachs Kantate „Liebster Gott, wann werd ich sterben?“ (BWV 8) imitiert die Musik das Leipziger Sterbegeläut. Über den großen und mittleren Glocken bimmelt immer wieder überraschend und in höchster Lage die Piccolo-Flöte. Dass sie 24 Mal anschlägt, mag Symbol für die Zeit sein. „Ein Zittern mag jedesmal durch Bachs Gemeinde gelaufen sein, wenn immer wieder unvermutet und nach sekundenlangem Stillschweigen dieses seelenlose Gebimmel sich hören ließ“ (Arnold Schering). „Mors certa,hora incerta“ – „Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss“, lautet die Botschaft der Glocken, an die uns Bachs Musik erinnern will.
Glocken sind aber nicht nur Symbol des Sterbens, sondern auch der Auferstehung. Als großartige Steigerung sinfonischer Möglichkeiten und als klingendes Sinnbild der Auferstehung setzt Gustav Mahler sie in seiner Zweiten Sinfonie ein: „Auferstehn, ja auferstehn wirst du, mein Herz, nach kurzer Ruh.“ Auch Schillers „Lied von der Glocke“ wurde mehrfach vertont, u.a. von Andreas Romberg (1808) und von Max Bruch (1877/78). Die Kantate von Romberg erklang bei den „Europäischen Glockentagen“ in der Kirche St. Stephan Karlsruhe unter der Leitung von Andreas Schröder. Vorangestellt wurde ihr Ludwig Senfls „Geläut zu Speyer à 6“, eine Nachahmung hoher und tiefer Glocken mitsamt ihrer Rhythmen.


Glockenzier
Eine Welt für sich ist die Ästhetik der Glocken mitsamt ihrer Emblematik in Bild und Schrift. Diese „Glockenzier“ ist häufig Gotteslob – „LAUDATE DOMINUM DE COELIS“ – oder Marienlob: „AVE MARIA GRATIA PLENA“. Aus dem protestantischen Barock stammt der Spruch: „GIB GOTT, DAS DIE MICH HÖREN SCHALLEN, / MIT ANDACHT ZU DEM TEMPEL WALLEN“. Anfang des 20. Jh. finden wir in Beuron byzantinisch anmutende Symbolik aus dem Kreis der „Beuroner Schule“. Etliche neuere Glocken in der Erzdiözese Freiburg hat auch der Karlsruher Künstler Emil Wachter geziert. Bei den Glokken für die wieder aufgebaute Dresdner Frauenkirche gelang der erste Guss nicht, weil zuviel Glockenzier vorgesehen war.


Spiritualität der Glocken
Welche humane und spirituelle Bedeutung hat die Glocke? Ihr Klang zwischen Himmel und Erde steht für den Rhythmus der Zeit im Sinne des regelhaften Chronos, aber auch für die Ereignisse des Kairos – Festmomente im Kirchenjahr und persönliche Lebenswenden zwischen „Wiege und Bahre“. In den Glocken klingt das Archaische ihrer ganzen Geschichte mit; insofern verbinden sie die Religionen. Besonders wichtig ist auch die „gestufte Feierlichkeit“, die durch die Glocken ermöglicht wird. Wenn Kurt Kramer die Glocken einer Gemeinde inspiziert, prüft er nicht nur ihren Klang und die Sicherheit der Aufhängung im Glockenstuhl, sondern er entwirft auch eine Läuteordnung, damit das Geläut – wie auch die Kirchenmusik insgesamt – differenziert im Rhythmus des Kirchenjahres und des persönlichen Lebens erklingt. An manchen Kirchen können sogar Motive wie „Salve Regina“ geläutet werden. Der Grundsatz des differenzierten Läutens geht im Übrigen bis auf Karl den Großen zurück.
Die Bibel sieht die Glocken in einer gewissen Ambivalenz. Eine positive Sicht finden wir im Alten Testament: „helle“ und „wohlklingende Zimbeln“ erklingen lautmalerisch im Psalm 150, dem Schlussakkord des Psalters, und der prächtig gekleidete Hohepriester trägt ein Gewand mit Glöckchen, „die bei seinen Schritten lieblichen Klang geben, damit er im Heiligtum zu hören war und sein Volk aufmerksam werde“ (Sirach 45). Gleichsam als „Kontrapunkt“ lesen wir im Neuen Testament beim Apostel Paulus im Hohelied der Liebe: „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so bin ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“ (1 Kor 13). Was meint das? Das Handeln im Glauben,Hoffen und Lieben ist der Prüfstein für schlechthin alles – also auch für die lebenswichtige Dimension des Feierns und der Kunst, für die Musik und Glocke stehen. Fehlt die Liebe, dann misslingt auch der Versuch des Feierns.
Der Erfurter Bischof Joachim Wanke, in dessen Dom die weltberühmte „Gloriosa“ läutet, die vor einigen Jahren eine Reparatur gut überstanden hat, betont das Echo der Glocken in den Menschen: „So werden aus den tönenden Schellen nur wohlklingende Glocken, wenn wir auf ihre Botschaft hören, wenn wir uns auf sie einlassen, wenn wir durch ihr Friedensgeläute zu unserem ganz persönlichen Frieden finden und von diesem Frieden niemanden ausschließen, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe und welcher Religion er sein mag. Der Wandel von der 'tönenden Schelle' zur wohlklingenden Glocke vollzieht sich nur in einer lebendigen Gemeinde, vornehmlich aber in jedem einzelnen von uns.“


Glocken- und Gewissens-Ruf
Eine besonders eindrucksvolle Glocken-Geschichte, in welcher der Glockenruf „von außen“ mit dem Ruf des Gewissens „von innen“ zusammen schlägt, überliefert der Humanist Albert Schweitzer (1875 –1965) in seinen Kindheitserinnerungen. Als Siebenoder Achtjähriger jagte er gemeinsam mit einem Freund Vögel mit einer Schleuder. Da „fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und in den Gesang der Vögel hineinzuläuten. Es war das 'Zeichen-Läuten', das dem Hauptläuten eine halbe Stunde vorausging. Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg … und immer wieder, wenn die Glocken in der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot ,Du sollst nicht töten‘ ins Herz geläutet haben.“

Das Gegenbild hierzu ist die Beschlagnahmung von Glocken zu Kriegszwecken. Dem ebenso unmenschlichen wie vom Material her unnützen Unternehmen diente der „Glockenfriedhof“ im Hamburger Hafen. Insgesamt 80.000 Glocken kehrten nicht mehr auf ihre Türme zurück. Vordergründig ging es um die „Stärkung der deutschen Metallreserve für Zwecke der Kriegsführung auf lange Sicht“, in Wirklichkeit sollte den Menschen ein identitätsstiftendes Instrument geraubt werden.


Die „Hosanna“ jubiliert
Die Erzdiözese kann mit zahlreichen berühmten Geläuten aufwarten: auf der Insel Reichenau, in Salem oder Beuron. Sogar das Gebäude der Münsterbauhütte, in dem das Amt für Kirchenmusik sich befindet, verfügt über eine Glocke, die stündlich schlägt. Sie hängt an der Fassade zum Hof hin und wird „betrieben“ von einem imposanten Uhrwerk, nämlich der ehemaligen Turmuhr des Freiburger Münsters, die repariert und im Obergeschoss des Hauses aufgestellt wurde. Die berühmteste Glocke der Erzdiözese aber ist und bleibt die „Hosanna“ des Freiburger Münsters. Sie ist die älteste Angelus-Glocke Deutschlands. Am 18. Juli 1258 wurde sie in der damals modernen „Übergangsform“ vermutlich auf dem Münsterplatz von einem Glockengießer aus dem Raum Basel gegossen. Ihre Inschrift beginnt mit den Worten: „O REX GLORIE VENI CVM PACE“ – „O König der Herrlichkeit, komme mit Frieden“.
Als diese Glocke im Jahr 1989 beim Läuten ein kratzendes Geräusch von sich gab, stellte Kurt Kramer die Diagnose: u.a. war der 190 kg wiegende Klöppel zu schwer für diese Glocke, weshalb Bronze an Teilen des Schlagrings, wo er auftrifft, abgeblättert war. Ähnlich wie die Erfurter „Gloriosa“ musste die „Hosanna“ geschweißt werden und deshalb den „schönsten Turm der Christenheit“ für einige Zeit verlassen. Als sie zurückkehrte, versagte im entscheidenden Moment der Kran. Nicht nur der Glockenexperte Kurt Kramer hielt den Atem an. Die „Hosanna“ schwebte einige Stunden lang in der Luft, förmlich zwischen Himmel und Erde.

Im Jahr 2008, am 18. Juli, einem Freitag, wird sie 750 Jahre alt. Und jetzt schon darf man sicher sein, dass es zu diesem Anlass ein von Kurt Kramer initiiertes Glockenfest in Freiburg geben wird, das die „Europäischen Glockentage Karlsruhe“ fortsetzen wird.


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