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KMM 53
Otfried Büsing

Orgel und Verkündigung

Gedanken eines Komponisten

Statement, gehalten am 2. Oktober 2004 in der Katholischen Akademie Freiburg bei der
Tagung "Orgel und Verkündigung". Der mündliche Charakter des Beitrags wurde beibehalten.




Von den vielen Aspekten, die mir – als Komponisten – im Zuge des Nachdenkens über das Tagungsthema "Orgel und Verkündigung" in den Sinn kamen, musste ich naturgemäß viele für dieses Statement der Kürze wegen unberücksichtigt lassen. Denn: Wenn man es sich nicht leicht macht und nicht a priori von einer automatischen Verknüpfung von Orgel und Verkündigung ausgeht, erweist sich die Themenstellung als äußerst facettenreich. In knapper Skizzierung möchte ich deshalb im Folgenden auf drei ausgewählte Aspekte kommen, die ich besonders interessant finde:

          Provokation – Hammer oder Holzbein?
          Konjunktion – Warum der Heilige Geist die Orgel fand;
          Inspiration – Was mich an der Orgel begeistert.



Provokation – Hammer oder Holzbein?
Was es mit dieser merkwürdigen Frage auf sich hat, will ich Ihnen im Folgenden darlegen. György Ligeti (geb. 1923) schreibt in seinem eigenen Kommentar zu seinem bahnbrechenden Orgelwerk "Volumina" folgendes: "Die Orgel zog einerseits durch ihren übergroßen Reichtum an bisher noch unerforschten Klangfarbenmöglichkeiten, andererseits und vor allem aber durch ihre Mängel – durch ihre Unbeholfenheit, Steifheit und Eckigkeit – mein Interesse auf sich. Dieses Instrument gleicht einer riesigen Prothese." Hier haben wir nun den provokanten Begriff
"Prothese". Wohl wegen des gewaltigen mechanischen Aufwandes ist Ligeti hier der Prothesenbegriff in den Sinn gekommen. Prothesen haben nun eine kompensatorische Funktion, wie ein künstliches Gebiss für ausgefallene Zähne oder ein Holzbein für ein verlorenes der Gliedmaßen. Doch hier dürfen wir uns,bei aller Genialität des Urhebers von "Volumina", eine Korrektur erlauben: Die Orgel – begrifflich auf das griechische "organon" zurückgehend, was Werkzeug, Sinn, Körperteil oder auch Musikinstrument bedeutet – kompensiert gar nichts, sondern steht nur für sich selbst als ein Gerät mit Hebeln, Abstrakten, Balgsystemen und aerophonischen Klangerzeugern.

Als Musikinstrument schafft sie schließlich eigene und ganz besondere Möglichkeiten. Und im Sinne des organon-Begriffs als Körperteil könnte man sogar bei gelingendem Orgelspiel von einer höheren Einheit sprechen, die der Organist und sein Instrument gemeinsam bilden. Also: Nicht ein prothetisches Holzbein wäre richtig, sondern es ist eher der Hammer als instrumentum, dem die Orgel im Prinzip vergleichbar ist. Vom derben Orgelschlagen inzwischen
weit entfernt, ist die Orgel ein wahrhaft brauchbares organon, um Musik als Medium für Spiritualität darauf hervorzubringen.

Natürlich gibt es viele Registernamen, die auf Klangimitation hindeuten: Violbaß, Trompete, Krummhorn und manches andere mehr. Doch Imitation ist nicht Ersatz, sondern sie hat, dialektisch verstanden, ihren eigenen Wert durch die Differenz. Und auch das Umgekehrte ist zu beobachten: So hat Anton Bruckner in seiner Orchestersymphonik durchaus die Orgel im Ohr, mit der er ja als Improvisator bestens vertraut war.



Konjunktion – Heiliger Geist und Orgel
Für unsere Ohren ist der Klang der Kirchenorgel mit christlich-göttlicher Aura und religiöser Spiritualität fest verbunden. Diese Verbindung ist durch jahrhundertelangen Gebrauch in der kirchlichen Praxis geprägt. Spät fand auch eine Ausbürgerung der großen Orgel in den Konzertsaal statt, mit Dependancen in amerikanischen Großkaufhäusern, nachdem in vorigen Zeiten auch kleinformatige Automatenableger mit Walzenbetrieb in privatem Rahmen ein anderes Seitenphänomen darstellten.

Wenden wir uns nun einmal, in Stichworten, den Anfängen der Orgel zu. Als Erfinder des Orgelprinzips gilt bekanntlich der Mechaniker Ktesibios, der zur Zeit Ptolemaios' II. in Alexandrien wirkte. Das war um 250 vor Christus. Die von seiner "hydraulis", einer Wasserorgel, ausgehenden Instrumente verbreiteten sich schnell, sie wurden Luxusobjekte der Oberschichten, es gab sogar öffentliche Wettspiele. Bis nach Rom waren die Instrumente gelangt, und in einer anderen Region, in Antiochien, beklagt sich 450 nach Christus ein gewisser Isaac in syrischer Sprache, dass er nachts wegen laut dröhnender hydraulen kein Auge zu bekomme. Also: Noch kein Heiliger Geist, sondern eher: Orgelklang als historisches Hardrock- Gedröhne. Nach Frankreich kommt die Orgel, auch das ist bekannt, im Jahre 757 als Mitbringsel der Gesandtschaft des oströmischen Kaisers Konstantin V., die Pippin den Kleinen beehrt. Von hier aus breitet sich die Orgel dann weiter aus, aber die Berichte über ihre Wirkung haben eine deutlich andere Tendenz als beim syrischen Isaac: Diesmal ist es die süße Melodie der Orgel, die einer Frau die Sinne geraubt habe. So berichtet es jedenfalls der Reichenauer Abt Walahfrid Strabo im Jahre 838 und kritisiert damit den Orient, der sich bis dato wohl eitel gerühmt hatte, eine Art Monopol auf diese Klanggeräte mit magischer oder hypnotischer Wirkung zu besitzen. Hier sieht man: Ein machtpolitischer Aspekt kommt hinzu. Doch ich will diese Untersuchungen nicht weiterführen, weder in politischer, soziologischer noch pädagogischer Hinsicht, auch wenn sie bei der Verbreitung der Orgel bedeutsam waren.

Fest steht jedenfalls: Der endgültige Einzug der Orgel in den christlichen Kirchenraum in Mitteleuropa ist im 13. Jahrhundert anzusetzen. Und nun zu meiner Frage: Warum hat sich der Heilige Geist, von dem bis jetzt noch gar nicht die Rede war, die Orgel nun ausgesucht? Ich konzentriere mich auf drei Gründe.

Drei spirituelle Erfolgsgründe
• Die Orgel verfügt über Klanggewalt wie keine anderes Instrument oder Ensemble, und der Tonumfang ist der denkbar größte: Ein Analogon zur göttlichen Allmacht. Die Orgel kann klanglich überwältigen.

• Die Orgel kann etwas, was andere Instrumente nicht können: Die Orgel muss nicht atmen und ist deswegen auch nicht menschlich. Der Orgelklang ist sozusagen immer ein Ausschnitt aus der göttlichen Ewigkeit. – Einwand: Der Dudelsack braucht auch nicht zu atmen. Das ist richtig, aber er verfügt nicht über genügend varietas, ist monoton und entbehrt des Überraschenden des Heiligen Geistes. Er begeistert nicht, allenfalls narkotisiert er.

• Der Orgelklang hat etwas Fremdes, daneben verfügt er auch über Ferne, Größe und Unerklärbarkeit. Und das sind durchaus Attribute des Göttlichen, die sich intuitiv über statischen,nicht aber starren Orgelton vermitteln.

Ziehen wir nun meine drei ausgewählten Punkte in Betracht – Klanggewalt, prinzipielle Ewigkeit, Fremdheit – so sehen wir: Der Es-Dur-Initialakkord von Gustav Mahlers VIII. Symphonie ist kein Griff in die Mottenkiste eines komponierenden Kapellmeisters, der sich vorgefertigter Requisiten bedient, sondern die einzige Möglichkeit, ohne Worte mit Tönen deutlich zu sprechen: "Veni Creator Spiritus". Erst der Orgelklang, dann die menschliche Stimme. Und ein zweiter Verweis noch: Nämlich auf die kühn-vertrackte Kontrapunktik und die Harmonik in Mozarts Orgelwerken, besonders den beiden Fantasien in f-moll, fernab jeder Spieldosencharakteristik. (Es handelte sich ja um Auftragsarbeiten für mechanische Orgelwerke.) Ich möchte die Hand dafür ins Feuer legen, dass Mozart den überwältigenden Klang großer Orgeln im Ohr hatte, als er diese von einem wahrhaft wilden Geist gekennzeichneten Werke erfand.



Inspiration Orgel: Was mich begeistert
Ich mache es ganz kurz: Da ich selbst Organist bin, muss ich mich auf Grund der fehlenden Distanz zur Orgel einmal kurzzeitig von meinem Instrument entfernen, um den nötigen Abstand zu gewinnen. Faszinierend finde ich, dass die Orgel als eines der wenigen Instrumente keine Klonbildung kennt: Jedes Instrument ist ein Unikat, eigens dem speziellen Raum und den musikalischen Anforderungen angepasst. Das fordert heraus. Denn trotz Klangfarbenreichtum und der Vielfalt der Möglichkeiten muss man als Komponist in gewissen Grenzen einen abstrakten Satz erfinden, der vom jeweiligen Interpreten dann speziell an jeder Orgel neu und anders umzusetzen ist. Diese Form der Arbeitsteilung empfinde ich als spannend, denn ich lasse mich von gelungenen Interpretationen meiner Stücke auch gern überraschen.
Und nun versuchsweise eine Alternative: Wäre die Fragestellung "Klavier und Verkündigung" oder "Kontrafagott und Verkündigung" denkbar? Bitte entschuldigen Sie diesen Slapstick; aber er zeigt, dass die Orgel in der Tat eine starke geistliche Aura hat, die mich als Komponisten, der auch geistliche Musik komponiert, in den Bann schlägt.

Und ein Letztes: Orgelmusik ist eine der wenigen Musiksparten, wo tatsächlich immer wieder Neues und Individuelles gebraucht wird. Man kann es komponieren oder improvisieren – und wenn einem das nicht liegt, dann greiftman zum "Freiburger Orgelbuch".
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