

Liturgisch und konzertant spielt die Orgel
eine wichtige Rolle. Ihre Klangwelt und Technik faszinieren, zugleich
aber werden kritische Stimmen laut. Ist die Orgel noch liturgiefähig?
Wohin tendiert der Orgelbau? Welches Repertoire und welche gottesdienstliche
Sensibilität brauchen
Organisten? Meinrad Walter beleuchtet einige Aspekte der Diskussion um
die „Königin der Instrumente“.
Beitrag für die Monatszeitschrift „Herder-Korrespondenz“ (59. Jg /Februar 2005, zur Homepage >>>) im Rückblick auf die Tagung „Orgel und Verkündigung“ anlässlich der Präsentation des „Freiburger Orgelbuchs“ am 2./ 3. Oktober 2004 in der Katholischen Akademie Freiburg.
Dr. Meinrad Walter, geb. 1959; seit 2002 Mitarbeiter im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg. Herausgeber der Anthologie „Mein Lieblingsinstrument – die Orgel“ (Schwabenverlag und Carus-Verlag, 2004).
Kein zweites Musikinstrument
verfügt über die klangliche
und optische Vielfalt der Orgel. Nahezu jede, vom tragbaren Positiv bis
zur symphonischen Kathedralorgel, ist ein Unikat, eigens für den
Auftraggeber entworfen und durch die Arbeit des Intonateurs speziell
auf den jeweiligen Raum abgestimmt. Beispiellos ist auch ihre geschichtliche
Variabilität: von der Erfindung der „Hydraulos“ genannten
antik-profanen Wasserorgel durch den Mechaniker Ktesibios (um 250 v.
Chr.) in Kleinasien bis zum „Prototyp III“, einer jüngst
im Rahmen eines Schweizer Forschungsprojektes entwickelten Orgel, die
erstmals dynamisch-expressiv auf den Tastendruck des Spielers reagiert.

Modell der neuen Orgel in der Walt Disney Concert Hall
Über den engeren Kreis der „Orgel-Freaks“ hinaus machen
immer wieder spektakuläre Instrumente von sich reden. So erhielt
die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles durch den Architekten Frank
O. Gehry ein Instrument mit dem Design einer „Pommes frites Orgel“,
deren kreuz und quer in den Raum ragende Holzpfeifen der beiden 32’-Register – teilweise
leicht gekrümmt, aber allesamt klingend – den Kartoffelstäbchen
in einer überdimensionalen Pommes-Tüte gleichen. Über
72 Register auf 4 Manualen und Pedal verfügt dieses von der japanischen
Toyota Motor Company gestiftete Konzertinstrument, das die Firma Glatter-Götz
aus Owingen am Bodensee im Sommer 2004 fertig gestellt hat.
Mit bislang nur wenigen Pfeifen kommt hingegen die neue Orgel in der
ehemaligen Klosterkirche St. Burchardi zu Halberstadt aus. Seit dem 5.
September 2001 erklingt auf ihr permanent nur ein einziges, wenige Noten
umfassendes
Stück aus der Feder des amerikanischen Avantgardisten John Cage
(1912–1992): „Organ2 / ASLSP – as slow as possible“.
Was aber bedeutet die Vortragsanweisung „so langsam wie möglich“ angesichts
des unerschöpflichen
Windvorrats der Orgel? Eine ästhetisch-theologische Diskussion über
diese Frage markiert den Beginn dieses singulären Orgelprojekts, dessen
Aufführungsdauer von den Initiatoren auf stolze 639 Jahre projektiert ist.
Eingesetzt hat das aller kulturellen Kurzlebigkeit trotzende Stück mit einer
mehrmonatigen Pause, in der nur das Rauschen der Balganlage zu hören war.
Seit dem ersten Klangwechsel 2004 erklingt nun ein E-Dur-Dreiklang, von dem am
5. Juli 2005 die Töne gis’ und h’ weggenommen werden. Verbunden
mit dieser noch im Bau befindlichen Orgel – viele Töne kommen schließlich
gar nicht und einige erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten zum Einsatz – ist
ein im Aufbau befindliches Zentrum zur Erforschung der Ästhetik und Musik
von John Cage.

John-Cage-Orgel in der Burchardikirche Halberstadt
Mit der Aufführungsdauer von 639 Jahren wollten
die Initiatoren im Jahr 2000 zugleich an ein weit zurückliegendes
orgelgeschichtliches Ereignis in Halberstadt erinnern. Für den dortigen
Dom hatte im Jahr 1361, also 639 Jahre zuvor, Nikolaus Faber die berühmte,
erstmals liturgisch genutzte und für den Orgelbau richtungweisende „Blockwerkorgel“ erbaut,
die der Musikgelehrte Michael Praetorius im zweiten Band seines Lehrbuchs „Syntagma
Musicum“ (1619) detailliert beschreibt.
Die Orgel zwischen Tradition und Innovation
Ein weiterer Aspekt
noch, an dem sich heute die Geister scheiden: Im September 2002 fand
in Villingen im Schwarzwald eine denkwürdige
Orgelweihe statt. Geweiht wurde in der Benediktinerkirche eine „Silbermann-Orgel“,
erbaut von dem elsässischen Orgelbauer Gaston Kern (Hattmatt) als
völlige Rekonstruktion eines Instruments, dessen letzte Reste an
Pfingsten 1944 in Karlsruhe in Flammen aufgegangen waren. Keine einzige
Pfeife dieser von Johann Andreas Silbermann aus Straßburg für
die „Herren Benediktiner“ in Villingen 1752 geschaffenen
Orgel ist erhalten geblieben. Als Grundlage des Nachbaus dienten allein
Silbermanns Pläne mitsamt seiner Korrespondenz sowie das Studium
erhaltener Vergleichsinstrumente. Dieses privat initiierte, erfolgreich
finanzierte und klanglich überzeugende Projekt dokumentiert eindrucksvoll
den Stand heutiger historischer Orgelforschung, ruft aber auch ästhetische
Probleme in Erinnerung: Kann „Rekonstruktion“ die Antwort
auf gegenwärtige liturgisch-konzertante Erfordernisse sein? Heftig
entbrannt ist die orgelbauliche Kontroverse um „stilistische Reinheit
versus kompromissbereite Vielfalt“ bekanntlich in einem langwierigen „Orgelstreit“ an
der Dresdner Frauenkirche. Als man dort auf einen Nachbau der ehemals
vorhandenen Gottfried-Silbermann-Orgel verzichtete und sich für
ein vielseitig-modernes Instrument mit ca. 70 Registern in einem historisierenden
Gehäuse entschied, zogen Mitglieder der „Silbermann-Fraktion“ aus
Protest Sponsorengelder zurück, und der Nobelpreisträger Günter
Blobel kündigte gar seine Ehrenmitgliedschaft im Kuratorium der
Frauenkirche auf.

Silbermann-Nachbau in der Benediktinerkirche Villingen
Zwischen Innovation und Rekonstruktion bewegt sich gegenwärtig
der Orgelbau. Auf die Spitze getrieben und zugleich als Inspiriation
genutzt wurde diese Spannung von dem französischen Orgelbauer Marc
Garnier, dessen achtmanualige Orgel in Tokio (Metropolitan Art Space)
sich auf drei großen Scheiben in wenigen Minuten um 180 Grad drehen
lässt, was bei Konzerten auch regelmäßig vorgeführt
wird. Das „historische Gesicht“ zeigt einen klassisch anmutenden
Prospekt, hinter dem gleich zwei an barocken Vorbildern orientierte Orgeln
platziert sind; das „moderne Gesicht“ hingegen bietet einen
eher futuristischen Anblick mit einer modernen Konzertsaalorgel. Allein
die großen Pedalpfeifen „teilen“ sich die zwei (optisch)
bzw. drei (akustisch) zu einem Instrument verschmolzenen Orgeln.
Herausforderung Prospekt: Kettensäge oder Kleiderschrank?
Kein
Instrument ist in seiner äußeren Form so variabel wie
die Orgel. Die Gestaltung von Gehäuse und Prospekt bleibt eine künstlerisch-handwerkliche
Herausforderung, immer abhängig von der Stilistik des Raumes, nicht
selten auch von Vorgaben des Denkmalschutzes. Auf der einen Seite kommen
neue Möglichkeiten zum Einsatz, wenn etwa der Bildhauer und Holzgestalter
Armin Göhringer, der mit dem Orgelbauer Claudius Winterhalter (Oberharmersbach)
zusammen arbeitet, einem Orgelgehäuse mit der Kettensäge eine „verletzte
Oberfläche“ zufügt. Auf der anderen Seite begegnet man
immer wieder Prospekten mit dem nüchternen Charme eines Kleiderschranks
oder der „künstlerischen Ausdruckskraft von Schwarzwälder
Kirschtorten“ (Claudius Winterhalter). Freilich darf auch gefragt
werden, ob die „ästhetische Haltbarkeit“ innovativer
Lösungen immer der handwerklich intendierten des Instruments entspricht.
Zudem gibt es bei den ohnehin nur wenigen Kirchenbauten unserer Tage
auch etliche, bei denen eine Orgel gar nicht eingeplant und die Möglichkeit
einer integrativen Gesamtgestaltung somit von vornherein verspielt wird.
Der Orgelersatz durch elektronische Klangerzeuger, in Ermangelung von
Pfeifen gerne als „Sakralorgeln“ tituliert, scheint inzwischen
eher rückläufig, nachdem sich deren Klangdefizite und kurze „Halbwertzeiten“ auch
in Gemeinden sowie bei Pfarrern und Stiftungsräten herumgesprochen
haben. Ein Orgelneubau ist für jede Gemeinde eine immense Herausforderung,
aber auch ein gemeinsames künstlerisch-pastorales Projekt, das mehr
als nur musikalische Chancen in sich birgt und gerade deshalb nicht
gegen caritative Themen ausgespielt werden darf. Doch nicht nur Orgelbauer
und Kirchenmusiker fragen besorgt, wie viele Gemeinden sich in Zukunft
eine neue Orgel noch werden leisten können.
Kirche ohne Orgel – Orgel ohne Kirche
Das gegenwärtige religiös-kulturelle Image der Orgel lässt
fast vergessen, dass die westliche Kirche im ersten Jahrtausend ganz
ohne Orgel auskam. Die orthodoxe Kirche und strenge Richtungen des Judentums
verzichten bis heute auf die „Königin der Instrumente“.
Zudem war die Orgel anfangs ein dezidiert weltliches Instrument zu Repräsentationszwecken.
Ihr Einzug in die Kirche war keineswegs selbstverständlich, dafür
um so nachhaltiger. Aus einem geduldeten Instrument wurde im Lauf der
Jahrhunderte das assoziativ am stärksten mit Kirche und Glaube verbundene.
Orgelklang und religiöse Andacht, das erklingt für viele im
unisono. Diese vorschnelle Gleichsetzung überhört jedoch, dass
es eine Fülle „weltlicher“ Orgelmusik gibt, zu deren
Darstellung allerdings nicht allzu viele Orgeln in Konzertsälen.
Daraus resultiert eine Art von „Besuchsrecht“ solcher Werke
im Kirchenkonzert, wodurch das religiöse Orgelklischee noch verstärkt
wird. Wenn etwa Charles Ives’ (1874–1954) „Variations
on ‚America’“, parodistische Orgel-Variationen über „Heil
dir im Siegerkranz“, im Kirchenraum erklingen, weiß man nicht
so recht, worüber man meditieren oder ob man schmunzeln soll. Andererseits
entstand die „Symphonie passion“ von Marcel Dupré am
8. Dezember 1921 mitten in einem großen amerikanischen Kaufhaus!
Die halbstündige Komposition erwuchs aus einer Improvisation Duprés
an der damals weltgrößten Orgel des „Wanamaker Store“,
Philadelphia, mit über 350 Register auf sechs Manualen, die bis
heute zweimal an jedem Werktag erklingt.

Marcel Dupré an der Riesenorgel des Wanamaker Store
Leider sind die wenigen außerkirchlichen „Spielfelder“ der
Orgel gefährdet. Im Rundfunk nehmen die Sendeminuten für Orgelmusik
ab, was die Programmverantwortlichen damit begründen, dass die
Orgel polarisierend wirke: sie löst große Begeisterung aus
und trifft gleichzeitig auf schroffe Ablehnung. Dass sie für viele
assoziativ im Schatten der Kirche steht, gereicht ihr inzwischen wohl
mehr zum Nachteil als zum Vorteil.
Organisten mögen sich trösten: Die „innerkirchliche“ Kritik
am Orgelspiel ist wohl so alt wie die Kirchenorgel selbst. Bereits im
19. Jahrhundert brachte es der Aachener Kaplan H. W. Schonnefeld auf
eine griffige Formel: Der „Mißbrauch der Orgel und des Orgelspiels“ besteht
darin, dass „der Organist zu viel, zu lange, zu stark oder zu wild
spielt“. Sattsam bekannt sind die heutigen, mehr oder weniger berechtigten
Urteile im Minusbereich. Sie reichen von „einschläfernd“ und „pompös“ über „unpersönlich“ und „anachronistisch“ bis
zu „amtskirchlich“. Und mit der Liturgiereform kamen nicht
nur neue Chancen, sondern es wurden auch neue Schwachpunkte offenbar.
Häufig wird die Vielfalt der Orgel-Möglichkeiten nicht ausgeschöpft,
weil es an der Verbindung von musikalischer und liturgischer Kompetenz
fehlt. Chancen der Profilierung bleiben ungenutzt, so dass ein Einheitsklang
dominiert, der den Rhythmus des Kirchenjahres ebenso einebnet wie die
innere Dramatik einer Feier. Die Intonation zu einem Halleluja-Ruf etwa
erklingt wenig inspiriert und zum Mitsingen kaum inspirierend, wenn der
nach vorne drängende Ruf wie ein in sich abgerundetes Lied behandelt
wird, ohne Rücksicht auf musikalische Gestik, liturgische Bedeutung
und theologische Aussage. Bei einem Anfang Januar 2005 im Fernsehen aus
dem Berliner Dom übertragenen ökumenischen Gedenkgottesdienst
anlässlich der Flutkatastrophe in Asien schloss der Organist die
vierte Stophe des Gemeindeliedes „O Heiland, reiß die Himmel
auf“ bei den erwartungsvollen Worten „komm, tröst uns
hier im Jammertal“ mit vollem Werk und in strahlendem Dur. Das
vermittelt kaum Hoffnung, sondern befremdet.
Indirekt jedoch wird an solchen Beispielen deutlich, dass Musik auch
und gerade im Kirchenraum „Klangrede“ ist, und nicht nur „Umrahmung“.
Gerade am Thema der Liedbegleitung lässt sich ein ganzes pastoral-didaktisches
Programm festmachen: von der Wichtigkeit „pädagogischer“ Einführung,
die Musik und Inhalt vorstellt (Vorspiel) über die klare, aber nicht
starre Führung, die leitet und zugleich nachgeben kann (Begleitung),
vom sensiblen Agieren und Reagieren (Kommunikation), das die Singenden
atmen lässt, bis zur Wichtigkeit der Klangfarbe („der Ton
macht die Musik“). Schädlich ist allerdings die übliche
Beschränkung der Orgel auf Liedbegleitung, weil es von der Gregorianik
bis zum Neuen Geistlichen Lied zahlreiche Gesänge gibt, die sich
mit der Orgel nur unzureichend begleiten lassen.
Neu zu entdecken sind die überaus vielfarbigen gestischen Möglichkeiten
der Orgel, vom Stammeln und Röcheln bis zu triumphalen Klängen.
Ihr Feind ist einzig die monotone Einfallslosigkeit, ihre Stärke
liegt dagegen im Prozessualen: großflächige Entwicklungen,
rasche Klang- und Farbwechsel, das Spiel mit dem Raum, mit Gesten, Bildern
und Affekten, mit Wort und Ton. Die liturgische Devise kann nur lauten:
die Möglichkeiten ausschöpfen und erweitern, die Unmöglichkeiten
einschränken. Nicht alles, was gesungen wird, muss von der Orgel
begleitet werden; und nicht jede freiwillige oder unfreiwillige Pause
sollte mit Orgelzwirn „überbrückt“ werden.
Der Organist als „Kon-Zelebrant“?
Jahrzehnte nachdem
die Brüder von Taizé ihre große
Orgel verkauft und durch ein asthmatisch hüstelndes Positiv ersetzt
haben, formulierte der Komponist und Dirigent Hans Zender das schärfste
Verdikt. Er sieht die Orgel als „Teil des abendländischen
Museums“ und will sie gänzlich aus der Liturgie verbannen,
weil sie mit ihrem „triumphalistischen Getöse“ nur noch
ein „Klischee von geistlicher Musik“ vermittelt. Das ist
zweifellos eine Unterschätzung der organistischen Möglichkeiten.
Wichtiger wäre deren Stärkung: durch geeignete Literatur für
neben- und hauptamtliche Spieler und vor allem durch eine Neubesinnung
auf die Möglichkeiten der Improvisation. Nur die Improvisation kann
sich unmittelbar in die Liturgie „einmischen“. Im Idealfall
gerät das musikalische Mitspielen so zum Mitfeiern im Sinne einer „musikalischen
Kon-Zelebration“ (Wolfgang Bretschneider).

Orgel populär: Buch und Film „Schlafes Bruder“
Orgelspiel kann mehr sein als die Begleitung von Gesang und die Entfaltung virtuos-solistischer Kunst. Die Orgel kann verkündigen! In Robert Schneiders Roman „Schlafes Bruder“ musikalisiert das Orgelspiel die Osterfreude: „Gewaltig staunte das Kirchenvolk, als plötzlich beim Gloria die Orgel aufbrauste und mit jubelndem Figurenwerk anzeigte, auf welche Weise sich ein Christ über diesen Tag zu freuen habe.“ Solche Chancen bietet sich im gesamten Kirchenjahr und in der „Binnendramatik“ jeder Feier. Neben guter künstlerischer Ausbildung und einem reichem Repertoire benötigen Organistinnen und Organisten hierfür ein waches Gespür und tiefere liturgische Kenntnisse, als sie gemeinhin in der Ausbildung vermittelt werden. Vice versa gilt das im Übrigen für die musikalischen Kenntnisse und Fähigkeiten der Liturgen. Was für viele Aspekte der Liturgie nach mehr als vierzig Jahren Reform gilt, trifft auch auf die Orgel zu: die Möglichkeiten sind da, werden aber noch längst nicht ausgeschöpft! Zu schwach beleuchtet sind vor allem jene Aspekte, die über das gängige Schema von Intonation und Strophe hinausgehen: Musik zur Einstimmung, Begleitmusik zu Prozessionen wie der Evangelienprozession, „Klang-Charakteristik“ von Festen und Bußzeiten im Kirchenjahr, „Orgel-Exegese“ zu biblischen und anderen Texten. Diese „liturgische Virtuosität“ muss sich allerdings zwischen den verschiedenen Rollenträgern erst einmal einspielen. Das liturgisch-musikalische Gegeneinander ist dabei unbedingt zu vermeiden, das Miteinander anzustreben – und dennoch wird es häufig bei einem höflichen Nebeneinander bleiben.

Bezirkskantor Georg Koch bei seinem Vortrag
in der Katholischen Akademie
Freiburg am 2. Oktober 2004
Dass die ehemals dominierende Rolle der Orgel in der Liturgie etwas
eingeschränkt wurde, ist nicht zu bedauern. Bei „Jugendgottesdiensten“,
Erstkommunion oder Firmung bleibt sie nicht selten völlig stumm,
weil eine Band mit Keyboard und anderen Instrumenten spielt. Hier wären
weniger Berührungsängste denkbar und mehr gegenseitige Inspiration.
Zwischen Monopol und Boykott sollte es kreative Zwischenlösungen
geben. Auch diese stehen unter der Überschrift des spielerischen
Miteinander, das die liturgische Erneuerung seit mehr als 40 Jahren prägt
und zugleich ihr neuralgischer Punkt geblieben ist. Eine quantitative
Einschränkung bei qualitativer Steigerung täte der Orgel sowie
ihren Spielern und Hören vielerorts gut.
Konzertante Chancen der Verkündigung
Orgelkonzerte gehören zum kirchlichen Kulturprogramm, vor allem
in den warmen Sommermonaten. Kaum ausgeschöpft sind dabei die Möglichkeiten
kreativer Programmgestaltung unter Berücksichtigung der quasi rhythmischen
Dynamik des Kirchenjahres und der „sanft missionarischen Dimension“ (Kardinal
Karl Lehmann) von Kirchenmusik und geistlicher Musik. Weniger Orgel ist
auch hier letztlich mehr, so dass Kombinationen wie Orgel und Rezitation,
Orgel und andere Instrumente („Orgel plus“) große Chancen
haben. Zudem gibt es zukunftsweisende Konzepte für die Verbindung
von Orgelmusik mit liturgischen Impulsen, etwa bei Projekten wie die „Nacht
der offenen Kirchen“. Eine lange Tradition hat auch die Erweiterung
des Repertoires durch Bearbeitungen: von den für Orgel gesetzten
Renaissance-Motetten über J. S. Bachs Transkriptionen von Vivaldi-Konzerten
bis zu Ouvertüren und Bruckner-Sinfonien auf der Orgel. Bearbeitungs-Ausflüge
in die „leichte Muse“ mit vierhändig-vierfüßigen
Strauss-Walzern, einer Prise Gershwin und etwas Pop haben sich im Kirchenraum
als nur kurzzeitig effektvoll erwiesen. Silvesterkonzerte mit oder ohne
Trompete füllen die Chorkasse für das nächste Oratorienkonzert.
Auf den dabei mancherorts üblichen Sektempfang auf der Orgelempore
kann verzichtet werden. Zukunftsträchtiger sind Kinderkonzerte,
die Musik und Instrument spielerisch vermitteln.
Zu den wichtigen Innovationen der letzten Jahrzehnte zählt die Sensibilität
für eine historisch angemessene Aufführungspraxis, von der
Renaissance bis zur Avantgarde. Von der Aneignung „originaler“ Fingersätze
bis zur Auseinandersetzung mit grafischer Notation reicht das reizvolle
Studium der Orgelmusik. Und verglichen mit anderen „Musiksparten“ ist
der Anteil neuer Musik in Orgelkonzerten – von Olivier Messiaen
bis Petr Eben – insgesamt recht hoch. Die theologisch-ästhetische
Erschließung dieser Werke steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.
Häufig unterlaufen und kontrastieren neue Kompositionen die traditionsgesättigte
Hörerwartung, was bei den Konzertbesuchern Interesse weckt, aber
auch Ratlosigkeit und Aggression: spektakulär György Ligetis „Volumina“ (1962/66),
ein Cluster-Stück, das mit dem Ausschalten des Orgelmotors quasi-morendo
zu Ende kommt – ein Effekt, dessen allzu häufige Wiederholung
allerdings zur Trivialisierung führt. Die „Choralvorspiele
I/II“ von Dieter Schnebel (1966/69) schließen mit einer Art
Auszug der Orgel aus der Kirche, indem Registranten auf Orgelpfeifen
blasend ins Freie ziehen. Geistliche Musik soll mit der Welt verschmelzen
und neu beginnen mit dem Auszug aus dem Binnenraum Kirche! In den „Trakturen“ für
Orgel (1 Spieler, 2 Registranten) und Tonband von Wilfried Michels (1974)
schließlich werden die gemeinhin minimierten, nun aber mit Mikrophonen
aufgenommenen und über Lautsprecher verstärkten Trakturgeräusche
aus dem Innern der Orgel zu einem neuen Aspekt von Orgelmusik.
Orgel-Echo in Literatur und Philosophie
Vielstimmig bis gegensätzlich ist das „literarische Echo“ auf
Orgelklänge in Gedichten und Romanen, aber auch in Philosophie und
Theologie. Als „Kosmogonie“ und als das „am wenigsten
menschlichen Instrument“ deutet sie der rumänisch-französische
Philosoph E. M. Cioran. Hingegen Günter Anders in seinen „Ketzereien“: „Auf
keinem Instrument kann man so schwindeln wie auf einer Orgel.“ Lyrik
von Reiner Kunze fängt die dissidente Atmosphäre von Orgelkonzerten
in der DDR ein; das Gedicht „Orgelkonzert (Toccata und Fuge)“ aus „Die
wunderbaren Jahre“ (1977) spiegelt im graphischen Aufbau sogar
die Architektur von Prospekt und Spieltisch. Bei Hans Magnus Enzensberger
wiederum finden wir in den 99 Meditationen „Die Geschichte der
Wolken“ (2003)
eine Hommage an den Orgelbauer Heinrich Andreas Contius und dessen Orgel
im baltischen Liepaja: „Doch wenn von den siebentausend Pfeifen
/ die größte erschallt, der Untersatz, / zweiunddreißig
Fuß hoch, / erbeben Himmel und Erde.“

Ein vielstimmiges Echo
der Orgel in Literatur und Philosophie
Die kulturelle Charakteristik
der Orgel kulminiert in ihrer religiösen
Aura. Fremd und groß wirkt sie, zugleich majestätisch und
unerklärbar. Warum aber gilt sie als das „religiös musikalischste“ aller
Instrumente? Klangpracht und Tonumfang legen Analogien zur göttlichen
Allmacht nahe, ihr gleichsam unendlicher Atem scheint dem Wehen des Geistes
vergleichbar, und immer wieder wird ihr Spieler als „homo artifex“ gedeutet,
der improvisierend Klang-Welten erschafft. Schattenseite dieser emphatischen
Sicht ist die inzwischen gut erforschte und dokumentierte ideologische
Vereinnahmung der Orgel, etwa im Dritten Reich. Hierbei verselbständigen
sich, im Verein mit Gigantomanie, Momente wie „das Statische“ des
Orgelklanges. Immerhin soll die „Heldenorgel“ im Bürgerturm
der Burg Kufstein als größte Freiluftorgel der Welt heute „Gedanken
des Friedens und der Völkerverbindung“ erwecken.
Welche Zukunft ist der Orgel beschieden? Im Unterschied zum Gesang „mit
Herz und Mund“ zählt sie nicht zu den biblisch-liturgischen
Notwendigkeiten. In der Liturgie kann sie fast alles – sie kann
aber auch fast alles kaputt machen. Die Stärke der Orgel liegt nicht
in einer ihrer Klangfarben, auch nicht im Klischee des Grandiosen. Ihre
kulturelle, spirituelle und technische Stärke liegt in der Vielfalt,
ihr Feind ist gedankenlose Eintönigkeit. Die Orgel ist ein Instrument
für Trauer und Trost wie für Jubel und Ekstase. Gerade ihre
liturgischen Partner und „musikalischen Geschwister“ wie
Klavier und Keyboard, Blasmusik, Band oder Harmonium zeigen indirekt,
wie umfassend die Orgel ist. Mehr noch als im Literaturspiel liegen ihre
liturgischen Chancen in der Improvisation. Gute Organisten sind die größte
Stärke der Orgel. Was die „musikalischen Kon-Zelebranten“ brauchen,
ist eine solide Ausbildung, ein breites Repertoire und wache liturgische
Sensibilität – und nichts weniger wünschen sie sich von
den Zelebranten.